Blog von Carsten Schöne

Die „pragmatische Generation“

Zur Shell-Jugendstudie 2015

Im Oktober erschien die 17. „Shell-Jugendstudie“, die erneut Haltungen, Wertorientierungen, Freizeitverhalten und Zukunftsperspektiven junger Menschen erfragte. Das Mineralölunternehmen beauftragte unabhängige Forschungseinrichtungen mit der Erstellung der Studie, der bundesweite Befragungen von reichlich 2.500 jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jahren zu Grunde liegen.

Die Studie spricht von einer „pragmatischen Generation“, der es mit ausreichend Anpassungsfähigkeit offenbar vorwiegend gelingt, ihren Weg in der Gesellschaft zu finden. So lange ihnen diese Flexibilität ein gewisses Maß an Sicherheit und sozialer Integration ermöglicht und ihnen reale soziale Netzwerke zur Verfügung stehen, sind sie weitgehend bereit, sich auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten einzulassen. Die Jugendlichen blicken vorwiegend optimistisch in die Zukunft, die Zunahme dieser optimistischen Grundstimmung im Vergleich zu den Vorgängerstudien ist vor allem einer positiven Entwicklung des Arbeitsmarktes zu verdanken. So dürfte es für Ausbildungswillige durchaus eine neue Situation sein, dass sich die Rollenverteilung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zwischen Unternehmen und künftigen Auszubildenden verkehrt hat. Eine Folge des vorwiegend demografisch bedingten Fachkräftemangels in nahezu allen Branchen.

Im Wertekanon der Jugendlichen bleiben Freundschaft (89 %), Partnerschaft (85 %) und Familie (72 %) unangefochten auf den Spitzenplätzen. Hier finden junge Menschen offenbar die gewünschte soziale Verankerung, die ihnen Selbstvertrauen und Sicherheit vermittelt. Dennoch ist der Wunsch, eine eigene Familie zu gründen im Vergleich zu 2010 zurückgegangen, wobei der Rückgang bei weiblichen Befragten mit 11 Prozentpunkten deutlich höher ausfällt, als bei ihren männlichen Altersgefährten (4 %). Damit geht auch ein Rückgang des Kinderwunsches mit Verweis auf eine befürchtete schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie einher; mit 64 Prozent liegt er jedoch ungefähr im Mittel der letzten vier Shell-Jugendstudien.

optimistischer_blick_in_die_zukunft

Quelle: Shell-Jugendstudie

Auch die Jugendstudie des Mineralölkonzerns stellt wie zahlreiche andere Forschungen einen zentralen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Zukunftsperspektiven her. Jugendliche aus der so genannten Unterschicht bewerten ihre Zukunftsausschichten deutlich schlechter, als Jugendliche aus der so genannten Oberschicht (45 % vs. 81 %). Gut ein Viertel der Befragten hat Zweifel, ob sich die eigenen beruflichen Zukunftspläne verwirklichen lassen, selbst wenn man über einen geeigneten Schulabschluss verfügt. Eine Berufstätigkeit soll für die große Mehrheit der jungen Menschen ein gutes Maß an Sicherheit und Wohlstand mit sich bringen, eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen und flexible Arbeitsformen hergeben. Dabei ist ihnen überwiegend persönliche Erfüllung wichtiger als eine steile Karriere.

Bei der Beurteilung der Freizeitaktivitäten fokussiert die aktuelle Studie ggf. etwas zu einseitig auf Mediennutzungsformen junger Menschen. Ohne Zweifel sind Medien ein zentrales Kommunikations- und Sozialisationsinstrument für Heranwachsende, dennoch zeichnen zahlreiche andere Untersuchungen ein vielseitigeres Bild, das Kindern und Jugendlichen i. d. R. eine ausgewogene und abwechslungsreiche Freizeitgestaltung bescheinigt.
Für die Ausgestaltung der Freizeit ist ebenfalls die soziale Herkunft bedeutsam. Jugendliche aus förderlichem familiären Umfeld gehen stärker bildenden und kreativen Freizeitbeschäftigungen nach als sozial Schwache. Die Studie spricht von der „kreativen Freizeitelite“, der 23 Prozent der Befragten zuzuordnen sind. Mit dieser Wortwahl geraten gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu etwas Besonderem, das eigentlich dem Grundsätzlichen zuzuordnen wäre. Fänden Kinder und Jugendliche allerorten, vom Sozialstatus unabhängige Aufwachs- und Lebensbedingungen vor, die einer umfassenden und vielfältigen Förderung ihrer Persönlichkeitsentwicklung dienen, bräuchte es derlei Klassifizierungen nicht. Die Forschenden selektierten ferner „Medienfreaks“ (27 %) und „Gesellige Jugendliche (30 %) aus der Gruppe der Befragten. Bei ersteren dominieren Mediennutzung und Computerspiele die Freizeitgestaltung,  die „Geselligen“ bevorzugen gemeinsame Aktivitäten im Freundeskreis. Die Studie gibt auch Auskunft über Mediennutzungsformen und –dauer, sie bestätigt in etwa die Ergebnisse anderer Untersuchungen, wie etwa der jährlich erscheinen „JIM-Studie“ des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Die permanente Verfügbarkeit des Internets vor allem über mobile Endgeräte dürfte perspektivisch eine differenzierte Betrachtung der Nutzungsformen erschweren, da Jugendliche zunehmend weniger Funktionalitäten und Technologien einer bestimmten Nutzungsart zuordnen. Auch weiterhin stellen Kommunikation, Informationsbeschaffung und Unterhaltung die wichtigsten Nutzungsformen der Jugendlichen dar. Dabei ist die Sensibilität für den Schutz persönlicher Daten gestiegen, die jungen Menschen verfügen i. d. R. über einen allgemeinen Überblick zum Datenschutz und zu den kommerziellen Zielen großer Medienunternehmen, dennoch verzichten sie vorwiegend nicht auf die Nutzung der Dienste von Anbietern wie Google, Facebook oder Youtube.  Jugendliche treten häufiger selbst als Produzent(in)en von Medieninhalten in Erscheinung, dabei gestalten sie beispielsweise sie Weblogs oder Videochannels.

Mit Blick auf das Interesse an Politik und Gesellschaft bescheinigt die Studie jungen Menschen ein gestiegenes Interesse, das sich jedoch nicht in Aktivitäten oder Mitgliedschaften in Parteien widerspiegelt. Nach den Studienergebnissen genießen die etablierten Parteien nicht das Vertrauen der jungen Generation, offenbar entfernen sich Ansprache und Praxis der Politik von der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen. Im Vergleich zu 2002 ist das politische Interesse Jugendlicher um 11 auf nunmehr 41 Prozent gestiegen, sie möchten sich gern einbringen und beteiligen. Fast sechs von zehn Jugendlichen haben sich schon einmal an politischen Aktivitäten beteiligt. An der Spitze stehen dabei der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen, die in Form von Online-Petitionen einen bequemen Weg zur Beteiligung ermöglichen. Jeder Vierte hat bereits an einer Demonstration teilgenommen, jede/r zehnte engagiert sich in einer Bürgerinitiative.
Nach den Ergebnissen der Studie fürchten sich junge Menschen eher vor Fremdenhass als vor Zuwanderung. Mit fast einem Drittel (29 %) ist der Anteil von Menschen, die sich vor Zuwanderung fürchtet zwar bedenklich hoch, dennoch stellt Fremdenfeindlichkeit bei etwa der Hälfte der Befragten den größeren Angstfaktor dar. Im Jahr 2002 plädierten etwa 50 Prozent der Jugendlichen für eine Verringerung der  Zuwanderung, im Jahr 2006 forderten dies 58 Prozent, nach der aktuellen Studie unterstützen nur noch 37 Prozent der Jugendlichen diese Forderung. Zu dieser Frage ist ein deutliches Ost-West-Gefälle ersichtlich, im Westen fordert etwa ein Drittel eine Zuwanderungsbegrenzung, in den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin unterstützt jede/r Zweite eine solche Forderung. Anzumerken ist hier, dass die Befragungen vor dem deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen in 2015 durchgeführt wurden.

Insgesamt geben die Jugendlichen ihrem Heimatland recht gute Noten, äußern jedoch stärker als in allen Vorgängerstudien eine gestiegene Angst vor einem Krieg in Europa. Jugendliche wünschen sich von der Bundesregierung hier vor allem eine diplomatische, vermittelnde Rolle zwischen den Konfliktparteien und lehnen Militäreinsätze der Bundeswehr im Ausland ab. Die guten Noten für Deutschland stützen sich vor allem auf die Wahrnehmung einer insgesamt positiven Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft.

Die Shell-Jugendstudie ist ohne Zweifel ein gutes Grundlagenwerk, um allgemeine Wertvorstellungen, Lebenseinstellungen und Haltungen Jugendlicher zu erfahren. Für einzelne Bereiche empfehlen sich jedoch andere Studien, die die Lebenswelt Jugendlicher mit spezieller Fokussierung auf bestimmte Lebensbereiche differenzierter betrachten, als es der Shell-Studie gelingt.

 

Carsten Schöne

Veröffentlicht in Corax – Magazin für Kinder- und Jugendarbeit 01-2016 (www.corax-magazin.de)

corax_6-2015_titel

Quelle für alle Daten und Grafiken: Shell-Jugendstudie 2015, www.shell.de/jugendstudie

Links
Job-Börse
Archiv